HomeCare Zukunftsforum der rehaVital
06.12.2011
Strategische Allianzen im Gesundheitswesen – Zukunft gestalten
„Trends erkennen und gestalten“ – diesen Anspruch formulierte Dr. Richard Kollisch, rehaVital-Geschäftsführer, für seine Gemeinschaft. Mit dieser Einleitung setzte rehaVital die Anfang des Jahres gestartete Veranstaltungsreihe am 30. November mit einem HomeCare-Zukunftsforum fort. In Berlin trafen sich 75 Geschäftsführer und Führungskräfte von rehaVital-Mitgliedsbetrieben und Herstellern, um sich von anerkannten Experten über Herausforderungen und Projekte im Gesundheitswesen der Zukunft informieren und inspirieren zu lassen.
„Das Krankenhaus ist heute der Nukleus der Gesundbleibe-Kette“, erklärte Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB). Die Veränderungen im Gesundheitswesen spiegelten sich stark in den Krankenhäusern und den Versorgungsstrukturen wider. So sei bereits jetzt durch die zunehmende Akademisierung der Pflegeberufe und die Verschiebung von den sogenannten „medizinischen Hilfsberufen“ zu den „Gesundheitsberufen“ eine massive Veränderung im Zusammenspiel zu beobachten. Für die Zukunft forderte der Experte, die Prävention zu stärken und die Sektorengrenzen zu schleifen. Zudem müsse die Finanzierung des Systems neu aufgestellt werden, denn „dieses System ist nicht mehr finanzierbar“. Vom Versorgungsstrukturgesetz erwartet Ekkernkamp positive Anstöße und Chancen. „Wir befinden uns in einer sehr spannenden Phase“, erklärte der Experte. „Es ist viel in Bewegung gekommen. Wer hier zukünftig dabei sein will, sollte sich um mehr ‚Markt’ bemühen“.
20 % der Krankenhäuser stark gefährdet
Auch Holger Strehlau, Geschäftsführer der Dr. Horst Schmidt Kliniken GmbH, Wiesbaden, unterstützt diese Sichtweise: „20 Prozent der Krankenhäuser sind in ihrer jetzigen Struktur stark gefährdet“, prophezeit er. So sei es für die Zukunft der Krankenhäuser essenziell, sich neuen Konzepten zu öffnen und den Patienten ein Gesundheitsmanagement aus einer Hand anzubieten, das die gesamte Wertschöpfungskette umfasst. „Es geht zukünftig nicht mehr darum, ‚nur’ Leistungserbringer zu sein. Es wird auch darum gehen, Gesundheitsleistungen zu managen und sogar Finanzierungsmöglichkeiten anzubieten“, erläuterte er. Für ein Krankenhaus bedeute Zukunftsfähigkeit, Strukturen und Prozesse radikal den Erfordernissen anzupassen und sich in großen sektorenübergreifenden Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten und weiteren Partnern zusammen zu schließen.
Versorgungsstrukturgesetz: Vor allem Bürokratieabbau?
Mit welchen Veränderungen HomeCare-Unternehmen durch das Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) rechnen müssen, erläuterte René Klinke, Leiter des Referats „Sonstige Vertragspartner“ in der Abteilung Ambulante Versorgung beim vdek. So dürfen die Krankenkassen in Zukunft zusätzliche Angebote machen, die Delegation ärztlicher Leistungen wird unter Beibehaltung der Therapiehoheit erlaubt, das Entlassungsmanagement soll die Kontinuität in der Versorgung sicherstellen. Dabei sollen die Krankenkassen diesen Prozess überwachen. Zudem werden neue Rahmenempfehlungen implementiert, um Bürokratie abzubauen. Auch werden mit dem Gesetz „Unzulässige Praktiken“ weiter konkretisiert und Umgehungsmöglichkeiten, z. B. durch Beteiligung an Unternehmen, eingeschränkt. Für Kranken- und Pflegehilfsmittel werden die Prüfung der Leistungszuständigkeit und die Bewilligung der Leistungen vereinfacht, indem der angegangene Leistungsträger entscheidet und im Innenverhältnis einen pauschalen Ausgleich erhält. „Insgesamt erwarte ich durch die neuen Regelungen vor allem einen Bürokratieabbau“, erklärte Klinke. Gleichzeitig wies er die HomeCare-Unternehmen allerdings darauf hin, dass selbst innerhalb des vdek-Verbandes schon Vereinheitlichungen im administrativen Bereich schwer durchsetzbar seien.
Monetäre Anreize sind zur Lösung der Probleme auf dem Land ungeeignet
Dr. Ralf Scholz, Geschäftsführender Gesellschafter HGC GesundheitsConsult GmbH betonte die besonderen Probleme der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. Dass das nicht so sein muss, belegte Dr. Ralf Scholz, Geschäftsführender Gesellschafter HGC GesundheitsConsult GmbH. „Das klassische Kreiskrankenhaus im ländlichen Raum wird es schon bald nicht mehr geben“, stellte der Experte fest. Aber auch der ambulante Sektor gerate immer stärker unter Druck. Die Gründe seien vielfältig: Der demografische Wandel, die Zunahme der Pflegebedürftigkeit bei rückläufiger Bevölkerungszahl, steigende Qualitäts- und Dokumentationsanforderungen, die Überlastung der Ärzte und das Fehlen von Nachfolgern in Landarztpraxen trügen dazu bei. „Wir stehen heute vor einer Unter- und Fehlversorgung von ländlichen Räumen“, konstatierte Scholz. „Monetäre Anreizsysteme sind aber unserer Einschätzung nach ungeeignet, diese Situation grundlegend zu verändern.“ Die Lösung der Probleme ist, so Scholz, noch offen. „Ganz klar ist aber: An die Stelle einzelner Leistungserbringer werden vernetzte Versorgungsformen treten.“ Den HomeCare-Unternehmen empfiehlt er, jetzt selbst aktiv zu werden, sich stärker zu spezialisieren und Kooperationen zu suchen, um Stärken der eigenen Häuser mit denen anderer Anbieter sinnvoll zu verknüpfen. Dazu Scholz: „So gestärkt werden Sie zu einem attraktiven Partner für Fusionen oder Netzwerke und können auch in Zukunft im ländlichen Raum regional wachsen“.
Bis zu 10 % Einsparungen durch Netzwerke
Ein Beispiel für bereits existierende und funktionierende sektorenübergreifende Netzwerke lieferte Andreas Schlüter, Geschäftsführer Klinikum Westfalen GmbH. Im Rahmen der Integrierten Versorgung arbeitet das Projekt „prosper“ bereits seit über 10 Jahren erfolgreich in einzelnen Regionen in Nordrhein-Westfalen und seit Kurzem auch in der Lausitz. Dabei profitierte „prosper“ davon, dass es sich bei den Netzwerkpartnern anfangs um eigene Einrichtungen des Verbundsystems innerhalb der Knappschaft handelte. „In der Basisvariante arbeiten dabei Krankenhäuser und Fach-, sowie Hausärzte nach definierten Regeln zusammen“, erläuterte Schlüter. „Dabei ging es zunächst um Kostenreduktion bei Erhalt der Qualität“. In der Ausbauphase werden auch andere Player, wie Pflegeheime und Reha-Einrichtungen, Unternehmen der ambulanten Pflege, Apotheken oder Sanitätshäuser in den jeweiligen Regionen einbezogen. „Alle Maßnahmen im Netz werden gemeinsam erarbeitet“, erklärt Schlüter. „Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind mit solchen Versorgungsnetzwerken Einsparungen von bis zu 10% bei verbesserter Qualität möglich“.
Pilotprojekt für Sanitätshäuser
Auch im Bereich der Sanitätshäuser sind Netzwerke sinnvoll und möglich. Das belegte Robin Bähr, Geschäftsführer der QMService GmbH. Sein Unternehmen arbeitet zurzeit an einem Netzwerkkonzept für ein rehaVital-Mitglied, das voraussichtlich im April 2012 starten wird. „Unser Ansatz geht vom Patienten aus“, erläuterte der Experte. „Patienten sind nämlich die gemeinsamen Kunden von allen Playern, egal ob es sich um Krankenkassen, Pflegedienste und -heime, Ärzte, Krankenhäuser oder Sanitätshäuser handelt“. Netzwerkpartner in seinem aktuellen Projekt sind neben dem Sanitätshaus das Akutkrankenhaus, Reha-Zentrum, Pflegedienst, Arzt, Wundmanager und Anbieter von haushaltsnahen Dienstleistungen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert und von Hochschulen und Forschungsinstituten wissenschaftlich begleitet. „Unser Ziel ist es, die Versorgungsstruktur in einem Segment, in dem es im Behandlungs- und Versorgungsprozess viele Brüche gibt, deutlich zu verbessern“, erklärte Bähr. Und ergänzt: „Schon vor dem Start des Netzes haben alle Netzwerkpartner von der Zusammenarbeit profitiert. Ich möchte Sie deshalb ermutigen, aktiv zu werden und Veränderungen und Verbesserungen selbst zu gestalten.“
Wundversorgung im Netz: Kostensparend und effizient
Ein preisgekröntes HomeCare-Konzept wurde von Monika Schindzielorz, Geschäftsführerin MedNet Service GmbH, präsentiert. Das Wundkompetenznetz Mittlerer Oberrhein hat im Jahr 2009 den Qualitätsförderpreis Gesundheit Baden-Württemberg erhalten und sich seither so gut bewährt, dass Schindzielorz es jetzt auch auf andere Themenfelder wie Diabetes, Schmerz, Medikationsmanagement oder Hilfsmittel ausdehnen möchte. Das Projekt startete im Jahr 2006 mit einer lokalen Apotheke und bezog damals eine Klinik, fünf Ärzte und zehn Patienten ein. Nach und nach kamen weitere Partner wie die AOK, ambulante Dienste, Gutachter u. a. hinzu. Im Jahr 2009 waren bereits 9 Kliniken, 350 Ärzte und 450 Patienten im Netzwerk verbunden. Mit sehr guten Ergebnissen: „Eine Studie zeigt, dass die Wunden bei 73% der von unserem Netzwerk betreuten Patienten innerhalb von 120 Tagen geschlossen waren und nur knapp 6% ein Rezidiv hatten“, freute sich Schindzielorz. Nicht nur die Erfolge sprechen für ihr Netzwerk, auch die Kosten sind erheblich niedriger. „Wir konnten zum Beispiel die durchschnittlichen Materialkosten pro Patient signifikant verringern.“
Medikationsmanagement: Erhöht Compliance, verbesserte Gesundheit
„Die Telemedizin kann in Zukunft erheblich zur Lösung vieler Versorgungs- und Betreuungsprobleme beitragen“, erklärte Sibylle van de Ree, Senior Consultant Medikations-Management, Vitaphone GmbH. „Dabei bleibt aber der persönliche Kontakt, das ‚Face to the Customer’ immer von besonderer Bedeutung.“ Sie präsentierte ein Projekt, das sich in Bremen in Kooperation mit ambulanten Pflegediensten und einer Apotheke (dem rehaVital-Mitglied MediLog) in der Konzeption befindet. Ausgehend von dem Gedanken, dass viele pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben möchten, dafür aber vielfältige Unterstützung benötigen, hat ihr Unternehmen ein telemedizinisches Medikationsmanagement-System konzipiert und will so die Einnahme der verschriebenen Medikamente unterstützen. Diese werden von der Apotheke patientenindividuell verblistert und in einem Spender mit telemedizinischer Ausstattung ausgeliefert. Im Spender sind Informationen abgespeichert, wann der Patient was einnehmen muss. Zum richtigen Zeitpunkt erinnert er mit einem akustischen und optischen Signal daran. Wird das Medikamententütchen nicht entnommen, erinnert das Gerät nochmals. Wenn der Patient dann nicht reagiert, startet ein abgestuftes Interventionssystem unter Einbindung des Vitaphone Service Centers. „Am Ende werden je nach Fall der ambulante Pflegedienst oder die Angehörigen alarmiert, die dann nachsehen können, ob alles in Ordnung ist“, erläutert van de Ree das Konzept. So könne die Compliance erheblich gesteigert werden, da viele Patienten ihre Medikamente schlichtweg vergessen und sich ihr Gesundheitszustand dadurch immer wieder verschlechtere.
rehaVital als Vorreiter
„Nach diesen hochinteressanten Vorträgen ist eins noch viel klarer geworden“, sagte Dr. Richard Kollisch zum Abschluss des Zukunftsforums. „das Thema Einzellösungen und Einzelkompetenzen findet seine Grenzen! Das stellt alle Player im Gesundheitswesen vor ganz neue Herausforderungen.“ rehaVital werde sich diesen Herausforderungen stellen und seine Mitglieder dabei tatkräftig unterstützen. rehaVital sei, so Kollisch, durch ihre Kompetenz und regionale Struktur geradezu prädestiniert, hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Bereits seit mehreren Jahren arbeite das Kompetenzteam HomeCare, in dem Experten aus dem Markt vertreten sind, erfolgreich an Konzepten, um auch in der Zukunft eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung sicherstellen zu können.
Weitere Informationen zu den Referaten finden Sie unter:
www.rehavital.de/mitglieder/vertrieb-und-marketing/homecare-zukunftsforum-2011/







