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Lipödem: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Wie man die Beschwerden der Fettverteilungsstörung Lipödem lindern kann

Wie man Beschwerden der Fettverteilungsstörung lindern kann

Das Lipödem ist eine sehr häufige Erkrankung, die fast nur bei Frauen auftritt. Für die Betroffenen ist sie mit hohem Leidensdruck verbunden – sie müssen mit geschwollenen Beinen und Schmerzen leben und sind oft Vorurteilen ausgesetzt. Geheilt werden kann das Lipödem nicht – man kann es jedoch behandeln, um die typischen Beschwerden deutlich zu lindern.

Während das Lipödem bis vor wenigen Jahren noch wenig bekannt war, hat sich hier viel getan. Dennoch gibt es weiterhin viel Unwissen zu den Ursachen, Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten. Und das, obwohl es sich keineswegs um eine seltene Krankheit handelt: Laut einer Studie von Marshall und Schwahn-Schreiber ist rund jede zehnte Frau in Deutschland von der chronischen Fettverteilungsstörung betroffen – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

Welche Symptome und Beschwerden gibt es beim Lipödem?

Beim Lipödem handelt es sich um eine chronische Fettverteilungsstörung, die in der Regel vor allem die Beine betrifft. In manchen Fällen finden sich die Fetteinlagerungen jedoch auch an den Armen, hier insbesondere an den Oberarmen. Das Unterhautfettgewebe nimmt krankhaft zu, die betroffenen Körperregionen können starke Schmerzen verursachen. Anders als andere Ödeme – wie dem Lymphödem – tritt das Lipödem immer beidseitig an den Extremitäten auf. Es lässt sich aufgrund seiner Symptome deutlich vom Lymphödem oder einer Adipositas abgrenzen. Es ist aber durchaus möglich, dass beide Erkrankungen zeitgleich auftreten. Oft löst ein Lipödem zusätzlich ein Lymphödem aus, da die Fetteinlagerungen das Lymphsystem blockieren. In diesem Fall spricht man von Lipo-Lymphödem. Weitere Informationen zum Unterschied zwischen Lipödem und Lymphödem unter https://www.juzo.com/de/service-wissen/gut-informiert/lymphoedem


Zu den typischen Beschwerden der Fettverteilungsstörung gehören:

  • Dellen und Beulen in der Hautoberfläche – ähnlich wie bei einer ausgeprägten Cellulite
  • Grobe Knoten und Verhärtungen unter der Haut spürbar
  • Schubweise Beschwerden
  • Fetteinlagerungen betreffen nur die Extremitäten, nicht die Hände oder Füße
  • Bindegewebsschwäche mit Besenreißern, auch Schwangerschaftsstreifen genannt
  • Ziehende Schmerzen, vor allem bei Berührung oder nachts
  • Auftreten von blauen Flecken (Hämatomen), ohne dass Stöße oder Prellungen vorliegen
  • Durchblutungsstörungen und Kältegefühl an den betroffenen Gliedmaßen
  • Fetteinlagerungen werden nicht durch Gewichtsreduktion oder Sport beeinflusst

 

Man unterscheidet sechs verschiedene Typen – je nachdem, an welchen Körperstellen sich die Fetteinlagerungen befinden

  • Oberschenkel-Typ
  • Unterschenkel-Typ
  • Ganzbein-Typ
  • Oberarm-Typ
  • Unterarm-Typ
  • Ganzarm-Typ

 

Insgesamt gibt es drei Stadien der Erkrankung:

  • Stadium 1: Im ersten Stadium sieht die Oberfläche der Haut verhältnismäßig glatt aus, die Dellen erinnern an die klassische Orangenhaut. Es liegt eine leichte Fetteinlagerung vor, die – beim Oberschenkel- oder Ganzbein-Typ – an Reiterhosen erinnert.
  • Stadium 2: Im zweiten Stadium ist die Erkrankung bereits optisch durch eine Vermehrung des Volumens sichtbar. Kennzeichnend ist eine gewellte, unebene Hautoberfläche. Unter der Haut sind Verdickungen und grobe Knoten tastbar.
  • Stadium 3: Im letzten Stadium ist eine starke Umfangsvermehrung an den betroffenen Körperteilen zu beobachten. Die Haut zeigt ausgeprägte und deformierte Fettlappen – man spricht auch von einer Wammenbildung.

Wie entstehen Lipödeme?

Die genauen Ursachen sind noch nicht ausreichend erforscht. Fest steht jedoch: Es handelt sich nicht um ein durch Ernährung oder Übergewicht ausgelöste Erkrankung. Hormonelle Umstellungen, aber auch eine genetische Veranlagung scheinen bei der Entstehung eine Rolle zu spielen. Aktuellen Studien zufolge scheint die Fettverteilungsstörung auch eine entzündliche Komponente zu haben, da in dem betroffenen Gewebe eine erhöhte Anzahl von Entzündungszellen vorhanden sind.

Wer ist vom Lipödem betroffen?

Vom der chronischen Fettverteilungsstörung sind fast ausschließlich Frauen und Mädchen betroffen. Sie tritt insbesondere nach einer hormonellen Umstellung auf – meist in der Pubertät, oft aber auch in den Wechseljahren sowie während oder nach einer Schwangerschaft. In seltenen Fällen kann die Störung auch bei Männern auftreten, meist liegt dann jedoch eine Grunderkrankung vor, die zu einem Testosteronmangel führt.

Wie kann man das Ödem erkennen?

Leider treffen Frauen mit Lipödem-Erkrankung immer noch häufig auf Vorurteile, da ihr Erscheinungsbild mit Übergewicht oder Unsportlichkeit in Verbindung gebracht wird. Dabei ist die Diagnose nicht schwierig. Schon anhand der Symptome, einer ärztlichen Anamnese und einer eingehenden Untersuchung lässt sich die Fettverteilungsstörung erkennen. Sie lässt sich auch eindeutig von ähnlichen Krankheiten wie der Lipohypertrophie, einem Lymphödem, Adipositas oder Morbus Dercum abgrenzen. So zeigen sich bei Adipositas die betroffenen Bereiche am gesamten Körper und nicht nur an Armen oder Beinen, dazu liegt kein Druckschmerz vor und die Beschwerden sprechen – anders als beim Lipödem – auf eine Diät und Sport an. Das Erscheinungsbild bei der Lipödem-Erkrankung ist typisch: Nicht selten haben betroffene Frauen einen schlanken Oberkörper, aber auffallend dicke Beine. Zudem ist der Schmerz in den betroffenen Regionen und das schnelle Entstehen von blauen Flecken ein deutliches Erkennungsmerkmal.

Wie kann man die Krankheit behandeln?

Das Lipödem ist zum derzeitigen Stand der medizinischen Forschung nicht heilbar. Therapien zielen deshalb vor allem auf eine Linderung der Beschwerden und die Erhöhung der Lebensqualität ab. Hier wird die sogenannte Komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) eingesetzt. Dabei handelt es sich um eine Behandlung, die auf mehreren Therapieformen beruht.

  • Manuelle Lymphdrainage
    Bei dieser physiotherapeutischen Therapie wird der Abfluss der Lymphflüssigkeit angeregt.
     
  • Physiotherapie
    Auch mit gezielter Krankengymnastik wird der Bildung eines Lymphödems vorgebeugt.
     
  • Kompressionstherapie mit Bandagen und Kompressionsstrümpfen
    Zur Linderung der Schmerzen, zur Stützung des Gewebes und zur Förderung der Durchblutung wird die Behandlung mit medizinischen Bandagen und Kompressionsstrümpfen aus dem Sanitätshaus angewendet.
     
  • Sport und Ernährung
    Vor allem bei noch gering ausgeprägten Beschwerden kann moderater Ausdauersport und eine gesunde, ausgewogene Ernährung dazu beitragen, das Fortschreiten der Fettverteilungsstörung zu verlangsamen.
     
  • Hygiene und Pflege
    Aufgrund der Hautspannung und Fettüberlappung ist eine besondere Pflege und Hygiene der Haut wichtig.

Neben der konservativen Behandlung hat sich außerdem eine chirurgische Behandlungsmethode als erfolgreich erwiesen: die Fettabsaugung – in der Fachsprache als Liposuktion bezeichnet. Dabei werden die Fetteinlagerungen in einem speziellen Verfahren entfernt beziehungsweise mit einer medizinischen Sonde abgesaugt. Die Behandlung findet meist unter örtlicher Betäubung statt und sollte nur in einer spezialisierten Klinik durchgeführt werden. Die chronische Fettverteilungsstörung ist eine Krankheit, die Betroffene aufgrund der Schmerzen und der optischen Sichtbarkeit auch seelisch stark belastet. Depressionen und andere psychische Erkrankungen treten bei Frauen mit Lipödem sehr häufig auf. Daher kann auch eine psychotherapeutische Begleitung oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe sinnvoll sein.

Welche medizinischen Hilfsmittel werden beim Lipödem eingesetzt?

Die Versorgung mit geeigneten medizinischen Hilfsmitteln ist für das Management und die Therapie von maßgeblicher Bedeutung. Dazu gehören vor allem folgende Bereiche:

  • Orthopädische Schuhe
    Die Füße von betroffenen Frauen sind besonderen Belastungen ausgesetzt. Häufig leiden die Patientinnen zusätzlich unter einem Lymphödem mit geschwollenen Füßen. In vielen Fällen werden die Füße zudem gewickelt, um die Beschwerden zu lindern. Die Schuhe sollten Halt geben, aber auch so flexibel sein, dass sie sich den Füßen anpassen können und nicht unangenehm drücken. Im Sanitätshaus erhalten Betroffene spezielle Lymphschuhe für einen hohen Tragekomfort und eine optimale Entlastung.
     
  • Kompressionsverbände
    Eine wichtige Maßnahme der Kompressionstherapie ist die fachkundige Bandagierung der betroffenen Körperregionen. Lymphologische Kompressionsverbände unterstützen und erhalten den Erfolg der manuellen Lymphdrainagen. Sie reduzieren das Volumen und verbessern den Abfluss der Lymphflüssigkeit. Auch die Venen werden durch die Bandagen entlastet.
  • Kompressionsstrümpfe
    Kompressionswäsche wie Kompressionsstrümpfe und Kompressionshosen sind beim Lipödem äußerst wichtig. Hier werden vor allem flachgestrickte Kompressionsstrümpfe eingesetzt, die im Alltag für die Betroffenen oft deutlich praktischer sind als Kompressionsverbände. Kompressionsstrümpfe müssen vom Fachmann individuell für jede Frau angepasst werden. Es gibt sie in vier Kompressionsklassen. Die Kompressionsklasse legt der behandelnde Arzt nach der Diagnose fest. Nach seinem Rezept erfolgt die Beratung, Vermessung und Anpassung in Ihrem Sanitätshaus. Moderne Kompressionsstrümpfe gibt es in vielen Farben und mit komfortabler Passform.
  • Kompressionsarmstrümpfe
    Auch für die Arme gibt es Lymphpads und Kompressionsarmstrümpfe. Sie werden beim Ganzarm-, Oberarm- oder Unterarm-Typ eingesetzt.

Frühzeitige Prognose?

Je früher das Lipödem erkannt wird, desto wirkungsvoller kann ein Fortschreiten unterbunden werden. Leider wird die Diagnose oft erst nach vielen Jahren des Leidens gestellt. Auch wenn die Ursache nicht heilbar ist, können Betroffene mit Lymphdrainagen, Kompressionsstrümpfen, sanftem Ausdauersport und einer gesunden Ernährung die Beschwerden spürbar lindern. Bei einer bereits fortgeschrittenen Erkrankung ist es sinnvoll, zunächst eine Liposuktion durchzuführen, um die Fetteinlagerungen deutlich zu reduzieren. In der Regel wird daher ab dem Krankheitsstadium II eine Liposuktion durchgeführt. Beim Krankheitsstadium III werden die Kosten einer Liposuktion seit dem Jahr 2020 von den Krankenkassen bezahlt – zumindest bei Betroffenen mit einem Body-Mass-Index von bis zu 35. Wer Übergewicht hat, muss zunächst Gewicht reduzieren – nach dem Erreichen des richtigen Body-Mass-Index kann der Eingriff übernommen werden.

Bilder: pexels.com (Titelbild); Julius Zorn GmbH