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Plötzlich pflegebedürftig – und nun?

Was bedeutet es eigentlich, im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? Das richtige Bett ist dabei ein wichtiger Schritt.

© Hermann Bock GmbH

Was bedeutet es eigentlich, im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? Und was ist zu tun, wenn ein Familienmitglied plötzlich in die Situation gerät, den Alltag nicht mehr selbstständig bestreiten zu können? Ende 2018 waren 3,69 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig – 10% mehr, als noch ein Jahr zuvor. Mehr als zwei Drittel dieser Menschen werden zu Hause versorgt. Das ist einerseits eine gute Nachricht. Andererseits ist die häusliche Pflege eine ernst zu nehmende Herausforderung für alle Beteiligten, die durchaus belastend werden kann. Gut, dass es zunehmend auch technische Hilfsmittel gibt, die echte Unterstützung zuhause bieten – zum Beispiel spezielle Pflegebetten.

Viele Menschen haben nach wie vor ein ganz falsches oder gar kein Bild davon, was eigentlich den Unterschied zwischen einem Möbel und einem Medizinprodukt macht und wie genau ein spezielles Pflegebett den Alltag erleichtern kann.

Wir haben deshalb einmal einen Profi gefragt, der genau wissen muss, wie man sich heutzutage ein Pflegebett vorzustellen hat und welche neuesten Errungenschaften es in diesem Bereich gibt. Ulrike Kläsener ist Kundenbetreuerin bei Hermann Bock in Verl, einem der führenden Konstrukteure und Hersteller von Komfort- und Pflegebetten für Menschen, die unterschiedlich große Unterstützung im Alltag benötigen.

rehaVital: Frau Kläsener, was ist das eigentlich – ein Pflegebett?

Ulrike Kläsener: Was ein Bett ist, weiß jeder. En Pflegebett ist jedoch viel mehr als ein Platz zum Schlafen oder Ausruhen. In einigen Fällen wird es sogar zum Lebensmittelpunkt. Es bietet dem Anwender Unterstützung und Sicherheit bei der aktiven Teilhabe am Leben.

rehaVital: Was bietet denn ein Pflegebett konkret mehr, als ein herkömmliches Bett?

Kläsener: Entscheidend ist die elektrische Verstellung. Pflegebetten haben in der Regel eine viergeteilte Liegefläche, also eine verstellbare Rückenlehne, ein starres Mittelteil und eine in Ober- und Unterschenkel getrennte Beinauflage. Außerdem, und das ist ein wesentliches Merkmal, verfügen alle Pflegebetten über eine elektrische Höhenverstellung. Die ist deshalb entscheidend, weil sie nicht nur den unterstützt, der im Bett liegt, sondern auch den, der pflegt, therapiert und hilft. Gerade für Pflegende ist die Höhenverstellung wichtig, um rückenschonend und gesunderhaltend arbeiten zu können. Sie unterstützt aber auch beim sicheren Ein- und Aussteigen, indem sie gewährleistet, dass man stabil, mit beiden Füßen auf dem Boden, auf der Bettkante sitzt.

rehaVital: Elektrisch verstellbare Betten bekomme ich ja heute fast überall. Was macht ein Pflegebett aus dem Fachhandel da besonders?

Kläsener: Pflegebetten sind auch immer Medizinprodukte, die sehr strengen Sicherheitsauflagen unterliegen. Diese gelten nicht nur für die Herstellung der Betten, sondern auch für die Zeit der Nutzung. Aus diesem Grund sind sie im entsprechenden Fachhandel erhältlich. Pflegebetten werden, je nach Anwendungsumgebung, in zwei Kategorien unterschieden:

Die Betten, die die Sanitätshäuser auf Rechnung der Kranken- oder Pflegekassen zu den Anwendern nach Hause bringen, sollen dort natürlich bestmöglich unterstützen. Aber sie sollen auch schnell auf- und abbaubar, platzsparend einzulagern und einfach zu reinigen sein. Dabei werden die Betten den Anwendern leihweise zur Verfügung gestellt. Für die Zeit der Nutzung wird von der Krankenkasse eine Pauschale bezahlt. Das Bett muss nicht gleich gekauft werden. Der Vorteil für den Patienten: Sollte ein solches Pflegebett nicht mehr benötigt werden, wird es vom Sanitätshaus abgeholt, gereinigt und für den nächsten Kunden aufbereitet.

Betten für Alten- und Pflegeheime oder Therapieeinrichtungen tragen wiederum den ergonomischen Bedürfnissen ganz unterschiedlicher Menschen Rechnung. Sie sollen zusätzlich natürlich auch optisch zur Wohnumgebung passen und über mehr technische Ausstattungsmöglichkeiten verfügen, um den Bedürfnissen der professionellen Pflege gerecht zu werden.

rehaVital: Pflegebetten, als Medizinprodukte, sind also besonders sicher und lassen sich gleichzeitig optisch gut in die Umgebung integrieren. Mit welchen Funktionen bieten sie im Alltag konkrete Unterstützung?

Kläsener: Wie schon gesagt unterstützen sie durch ihre Höhenverstellung die Pflegenden dabei, rückenschonend zu arbeiten und gewährleisten dem Patienten einen sicheren Ein- und Ausstieg. Manche Betten können sogar bodennah abgesenkt werden. So verhindern sie, dass ein Sturz aus dem Bett schlimme Folgen hat. Außerdem ermöglichen sie sehr bewegungseingeschränkten Menschen, ihre Umgebung auch mit dem Tastsinn wahrzunehmen, indem sie mit der Hand den Boden berühren und so Kontakt herstellen.

Geteilte Seitensicherungen bieten Sicherheit und Unterstützung beim Wenden im Bett und helfen als Stütze beim Aufstehen. Sie erhalten so die Selbstständigkeit im Alltag.

Außerdem haben die meisten Pflegebetten, wie beschrieben, eine viergeteilte Liegefläche. Die Rückenlehnen sind in unterschiedlichen Längen erhältlich. Davon profitieren vor allem größere Menschen. Für sie ist die Länge des Rückenteils wichtig, damit der Oberkörper beim Sitzen ergonomisch, also in der Hüfte, abgeknickt wird und so Haltungsschäden vermieden werden. Es gibt auch spezielle Liegeflächenauflagen, die druckentlastend sind und helfen, einem schmerzhaften Wundliegen entgegen zu wirken.

Aber auch vermeintliche Kleinigkeiten sind wichtig. Die Tasten der Handschalter sind mit einfach verständlichen Piktogrammen versehen. Man kann sie leicht drücken und bei Bedarf auch ertasten. Das Bett kann also vom Anwender ohne Hilfe so justiert werden, dass er gut lesen, fernsehen oder aus dem Fenster sehen kann. Verschiedene Funktionen können aber auch zum Schutz des Patienten am Handschalter abgeschaltet werden. Gerade bei dementen Anwendern kann man so potentiellen Unfällen vorbeugen.

rehaVital: Wenn das Pflegebett einen derart wichtigen Unterschied macht – warum besitzt dann nicht jeder Pflegebedürftige eines?

Kläsener: Viele Menschen nehmen einfach noch nicht konsequent genug die verfügbaren Unterstützungen in Anspruch. Oder sie fühlen sich nicht wohl bei dem Gedanken, nun ein Pflegethema zu haben und verdrängen diesen Fakt zu lange - mit oft unangenehmen Folgen. Dabei ist es die richtige Beratung und Ausstattung mit den richtigen Hilfsmitteln, die viel dazu beiträgt, dass die Teilhabe am Leben für alle Beteiligten nicht mehr als nötig eingeschränkt wird. Das ist auch und gerade für die Angehörigen wichtig.

rehaVital: Wie erkenne ich eigentlich, dass Pflegebedarf entstanden ist?

Kläsener: Mal abgesehen von den ganz eindeutigen Situationen – etwa nach Operationen oder Schlaganfällen – macht es viel Sinn, auch die langsame Veränderung der Beweglichkeit im Alter anzunehmen und früh darüber nachzudenken, ob ein passendes Bett nicht die Lebensqualität erhöhen kann.

rehaVital: Würden Sie also jedem über 65 bereits ein Pflegebett empfehlen?

Kläsener: Das wäre dann doch zu viel des Guten. Aber viele fitte 60-Jährige kaufen sich z.B. einen SUV. Nicht, weil sie plötzlich im Gelände herumfahren wollen, sondern, weil sie mit dem höheren Einstieg ins Auto einfach besser zurechtkommen. Auch wenn er kerngesund ist, hat ein älterer Mensch nun einmal andere Bedürfnisse als ein jüngerer. Und ein nicht mehr ganz gesunder oder geschwächter, gar kranker Mensch – egal welchen Alters – braucht jede Unterstützung, die er bekommen kann, ebenso wie die Menschen, die ihn begleiten oder pflegen.

Wir wissen heute sehr viel darüber, wie schwer die körperlichen und seelischen Lasten der Pflege wiegen können. Mit zunehmender gesundheitlicher Einschränkung wird das Bett zum Dreh- und Angelpunkt für Wohl und Wehe alter Menschen und ihres Umfelds: Es muss Behaglichkeit und Sicherheit für die Nachtruhe bieten und Verletzungsrisiken entgegenwirken, die etwa durch Stürze drohen. Es muss Selbstständigkeit und Gesundheit der Bewohner fördern und Pflegehandlungen erleichtern. Es muss robust und hygienekonform konstruiert sein. Am besten so, dass man es nicht gleich sieht. Es gibt zum Beispiel Bett-im-Bett-Systeme, die die gleichen komfortablen Verstellungsmöglichkeiten wie ein Pflegebett bieten, sich aber einfach in ein vorhandenes Einzel- oder Doppelbett integrieren und somit ihre Aufgabe im Verborgenen erledigen.

Und es gibt Betten, denen man ihre Fähigkeiten nicht ansieht und die schon vor dem Pflegebedarf als Komfortbett eine gute Figur machen. Unser Polsterbett stellar zum Beispiel sieht aus wie ein edles Boxspringbett. Per Handschalter lassen sich allerdings verschiedene Sitz- und Relaxpositionen einstellen. Das kann ein herkömmliches Boxspringbett nicht. Wenn es dann mal nötig ist, kann mit wenigen Handgriffen ein vollwertiges Pflegebett daraus werden. Beim Doppelbett übrigens auch nur auf einer Seite, wenn das reicht.

rehaVital: Wer hat Anspruch auf so ein Pflegebett?

Kläsener: Das ist wie bei allen Hilfsmitteln: Der Hausarzt kann verordnen, dann zahlt die Kasse. Oder man beantragt das Bett bei der Pflegeversicherung, dazu braucht man allerdings eine Pflegestufe. Ich empfehle grundsätzlich, sich bei einem regionalen Pflegestützpunkt beraten zu lassen. Die verschiedenen Bettentypen kann man sich auch sehr gut im Sanitätsfachhandel anschauen, wo fachkundig unter dem speziellen Pflegeaspekt beraten wird.

rehaVital: Frau Kläsener, vielen Dank für das interessante und informative Gespräch.